• cornelia sippel

Möglichkeits-Sinn

Der erste Blog im neuen Jahr sollte früher entstehen. Dann haben mir Lockdown, Regenwetter und Zahnschmerzen die Neujahrseuphorie entzogen. Und dann habe ich den Möglichkeitssinn in einer unaufgeräumten Schublade gefunden:


„Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt,… dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ (aus: Der Mann ohne Eigenschaften, R. Musil)

Vor hundert Jahren hat der Österreicher Robert Musil (1880-1942) das formuliert, obwohl er den Ersten Weltkrieg und den Nationalsozialismus miterlebt hat. Ich schließe daraus: Der Möglichkeitssinn muss auch in unmöglichen Lebensumständen überlebensfähig sein. Also hat er eine Berechtigung auch in unserem aktuell beschränkten Modus. Ich stelle mir den Möglichkeits-Sinn wie den Tastsinn oder den Riechsinn vor. Blöderweise scheint er sich gelegentlich zu verstecken. Dann lässt er sich am leichtesten im Mikrobereich lokalisieren: Ein Körperorgan beobachten, durch das mein Atem fließt. Die eine winzige Idee umsetzen, in der ich Freude vermute. Eine lebendige Erfahrung machen, die anders ist.

Der Möglichkeits-Sinn ist kein billiges „think positive“ und auch keine schleimige Durchhalteparole. Der Möglichkeits-Sinn ist ein zutiefst menschlicher Instinkt.


Für das immer noch neue Jahr wünsche ich Ihnen und euch tolle Entdeckungen in unaufgeräumten Schubladen und viel Möglichkeits-Sinn!