• cornelia sippel

Spaziergang mit Krokodil

Heute war ich mit meinem Krokodil spazieren. Es braucht nicht so oft raus, aber manchmal muss es eben sein. Wir gehen langsam, einem Krokodil angemessen, für mich ungewohnt. Ich stolpere ein paar Mal über meine eigenen Füße, bevor ich mich in dieser Beschaulichkeit zurecht finde. Heute kann mir keiner was. Weil ich mein Krokodil bei mir habe. Ich werde mich heute nicht mal auf einen klitzekleinen Ärger einlassen. Und schon gar nicht auf einen großen. Ich lasse einfach alles an mir vorbei ziehen. Alle Missverständnisse und Überreaktionen. Die Dummheiten und Unverschämtheiten. Die Wichtigtuereien und Rücksichtslosigkeiten.


Während ich sonst meistens im Slalom zwischen Bürgersteig und Straße wechsle, um entgegen kommenden Passanten auszuweichen, machen heute automatisch die anderen Platz. Natürlich gehen wir bei Rot über die Ampel, die Autos halten sowieso alle an. Mein Krokodil ist an Gaffer gewöhnt, es guckt ein paar mal böse zurück, mehr ist nicht nötig. Wahrscheinlich weil alle wissen, es könnte, wenn es wollte. Problemlos. Bei lautem Gehupe wird es unruhig, dicke SUVs fordern es seltsam heraus. Da muss ich dann wirklich Kraft aufwenden, um es an der Leine zu halten. Glücklicherweise gibt es keine besonderen Geräusche von sich, höchstens ab und an ein Grunzen. Ein paar Mal öffnet es lässig sein Maul, um nach Corona Viren zu schnappen. Aus diesem Grund brauchen Spaziergängerinnen mit Krokodil keine Maske tragen.

Wir cruisen durch den Park. Schnuppern an einem Mäusekadaver (es) und schauen einem gelben

Zitronenfalter hinterher (ich). Und am Ende unseres Ausflugs kommen wir an die Ruhr. Erstaunlich, wie auf Knopfdruck schaltet mein Krokodil von behäbig auf behende um und schwimmt wie ein Weltmeister. Es schlägt dabei fast keine Wellen. Eine Ente nimmt Platz auf seinem Kopf. Vögel und Krokodile unterhalten verwandtschaftliche Beziehungen, das ist kaum zu glauben. Bei den Enten kann ich mir das noch am ehesten vorstellen. Die Beiden chillen friedlich, und ich schau auf den Fluss.


Auf dem Rückweg haben wir zwei Lust auf Kuchen bekommen. Den haben wir gleich zuhause gefuttert. Und weil wir danach so müde waren, machen wir jetzt ein Schläfchen.

(foto istock, dangdumrong)