• cornelia sippel

verliebt

Ich sitze mit einem Bierchen auf dem Balkon. Es ist so eins von den kleinen, deren Öffnen ein umso überzeugenderes Plopp erzeugt. Hänge gedanklich dem Tag hinterher und freue mich, dass er seinen Abschied zu dieser Jahreszeit in die Länge zieht. Spüre den wohltemperierten Wind auf der Haut.

Und vernehme plötzlich Musik, deren Ursprung ich nicht gleich lokalisieren kann. Der „smooth operator“ erhöht meine Aufmerksamkeit. Ein einsetzendes Saxophon macht, dass mir ein paar kleine Glückshormone in den Bauch hüpfen. Als der Song zu Ende ist, spricht jemand einige Sätze, und dann schließt sich das nächste Stück an. Irgendwo hinter dem Wald hat sich tatsächlich eine Band zu einem Live-Konzert aufgestellt. Unfassbar… schön! Meine anfängliche Irritation ist einem endorphinen Lächeln gewichen. Ich verliebe mich dieser Tage wieder in das Wörtchen „normal“.

normal fristete ja eher ein unauffälliges Dasein. Es stand im Ruf, durchschnittlich, langweilig, spießig und unbedeutend zu sein.

Die Mathematik hielt es für wahrscheinlich.

Die Soziologie für angepasst.

Der Konstruktivismus ging sogar so weit, es einfach weg zu konstruieren.

Die gefühlte Erfahrung deutet es als vertraut. Und genau an dieser Stelle erobert es unser Herz.

normal ist eben auch flüchtig. Und gefährdet.

normal hat wieder gewonnen. Hat seinen Wert enorm gesteigert.

normal ist, was wir so viele Monate ersehnt und vermisst haben.

normal ist das Beste und Schönste nach einer Zeit der Entbehrung.

Nach einer Krankheit oder einer Krise, die einen aus der Kurve geworfen hat.

Oder nach dem Ende eines Lockdowns.


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