• cornelia sippel

verschwendet

Wenn Leute ihr Potential weder kennen noch nutzen, dann halte ich das für eine Verschwendung. Vor vielen Jahren habe ich mal eine Weile in England gelebt. Wenn immer ich hier bei uns Bus fahre, vermisse ich die englischen bus driver. Sie machen was aus ihrem Job, während hierzulande schon ein muffeliges Knurren als Kommunikation gewertet wird.

Englische Busfahrer sind im Kontakt mit ihren Fahrgästen. Sie begrüßen und verabschieden die Ein- und Aussteigenden. Sie haben immer ein small talk-Thema (meistens das Wetter) im Ärmel. Sie fragen auch schon mal, wie es einem geht. Sie nennen ihre weiblichen Fahrgäste gerne „love“ oder „dear“ - und das ist nicht etwa anrüchig, sondern charmant, jawohl! Und ich bin mir sicher, ihre motivationale und deeskalierende Wirkung hat schon so manche Schlägerei verhindert, depressive Verstimmungen aufgehellt, Einsamkeit bezärtelt. Die Mitreisenden bilden dazu ein Echo, sie verhalten sich wie Menschen und sagen freundlich "hallo" und am Ende der Begegnung „thank you, bye“.

Manchmal versuche ich, so zu tun, als stiege ich hier im Deutschländchen in einen englischen Bus. Das Hallo funktioniert noch recht gut, wird aber manchmal auch nur stieselig benickt. Selten traue ich mich beim Hinausgehen „danke und tschüs“ zu sagen, ich will ja niemand verschrecken. Ob wir Fahrgäste in der Lage sind, unsere Busfahrer*innen in ihre britische Variante umzumodeln, bleibt zweifelhaft. Für mich stellt das deutsche Berufsbild „Busfahrer“ jedenfalls eine klassische Verschwendung von Ressourcen dar. Da ließe sich mehr draus machen, und der Beruf würde per se auch gesellschaftlich aufgewertet. Dein Vater ist Busfahrer? Cool, den kenn’ ich vom Schulweg. Der hat schon mal das Einmal7 mit mir geübt.

Neulich bin ich einer Omnibusfahrerin begegnet, die als Modell für ihren Berufsstand dienen könnte, und sie kam vermutlich aus Syrien. Es war einer dieser Tage, wo die Hälfte des ÖPNV nicht funktioniert und alle maximal genervt sind. Inmitten dieses Chaos lief diese Person zu Höchstform auf. Sie verbreitete gute Laune, beantwortete geduldig alle Fragen nach voraussichtlichen Verspätungen und alternativen Anschlussbussen, sie haute ein paar witzige Sprüche raus und wünschte den Leuten viel Glück beim Aussteigen. Als ich den Bus verlassen musste, gab ich ihr ein begeistertes Trinkgeld. Vollkommen überrascht sagte sie: „Ich mach doch nur meinen Job.“ Ich hätte sie knutschen können - endlich eine, die ihren Job kapiert hat!

Foto: istock / chrisdorney