• cornelia sippel

Verwöhnt

Der Herr Professor schaut auf den Boden. Oder in den leeren Raum, den er zwischen sich, den anderen Talkgästen und der Kamerafrau aufrichtet. So genau können die Zuschauer das nicht erkennen. Er spricht langsam und bedacht, um seinen Worten Gewicht zu geben. Der Nebel habe sich gelichtet in dem Moment, als der Krieg begann. Die Selbstüberschätzung der Diplomatie sei besiegelt. Und dann spricht der Herr Historiker - er blickt immer noch in diesen toten Winkel und seine Mundwinkel beben – von der Friedens-verwöhnten Generation. Was bitte??? Lieber Herr Professor, achten Sie auf Ihre Sprache! Frieden, Freiheit und Unversehrtheit sind Grundrechte, kein Verwöhnaroma. Ach, dieses Wochenende verwöhnen wir uns mal und fahren in den Frieden... Verwöhnen Sie Ihre Liebsten doch mal wieder mit einem richtig leckeren Frieden... Ein Frieden kann neuen Schwung in ihre Partnerschaft bringen... Wohl eher so: Ein verwöhntes Blag ist ein verzogenes Kind, dem seine Eltern alles in den Arsch schieben. Und eine verwöhnte Erwachsene ist eine, die ihre Privilegien nicht in Frage stellt und entsprechend ihrer verschwenderisch-gierigen Manier nichts davon abgibt. Und beide sind möglicherweise eingeschränkt in ihrer Überlebensfähigkeit, sobald die Sonderbehandlung erlischt. Wie bitte soll jemand vom Frieden verwöhnt sein? Wie kann man jemand das Aufwachsen in Frieden vorwerfen? Frieden ist das bedrohte Lebensprinzip. Und es gibt absolut keine andere Option, als dass dem Krieg ganz schnell der Atem ausgeht!

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