• cornelia sippel

Zum Klagen reicht's nicht?

Wie geht es dir denn so?“ frage ich den Bekannten, der mir zufällig über den Weg läuft. „Ach“, sagt er und rollt die Augen für drei Millisekunden bedächtig nach oben. Dann verzieht er die Mundwinkel so sparsam, dass ich sein Lächeln gerade so eben durch die Maske erahnen kann, und resümiert: „Zum Klagen reicht‘s nicht.“ „Klingt, als würde dir nur ein Zentimeter fehlen, dann dürftest du klagen.“ (Vielleicht strengt er sich nicht genug an?) Naja, er vermisse schon dies und das, sei aber im home office recht glücklich. „Das ist Jammern auf hohem Niveau.“ Mein Bilderbuchhirn - es liegt direkt neben dem limbischen System - malt sich gerade eine Wettkampfszene im Hochsprung aus. Mein Bekannter trägt seine blaue Sporthose, das hochwertige Adidas-Shirt ist ziemlich verschwitzt. Er nimmt Anlauf und… leider hängt seine Messlatte zum Klagen zu hoch und die zum Jammern zu niedrig. Hm, stop mal, Widerspruch, wie kann das sein? Wer legt denn eigentlich die Messlatte an? Verwende ich beim Jammern auf hohem Niveau („Was ist der Virus doch für ein niederträchtiger Halunke“) andere Ausdrücke als beim Jammern auf niedrigem Niveau („Scheiße, Mann“) ? Wer erlaubt mir meinen Frust? Eigentlich kann ich doch nur meine eigene Messlatte anlegen. Jammern auf individuellem Niveau sozusagen. Für die eine sind 1,45 Meter beim Hochsprung ein Megaerfolg. Für Olympiaambitionierte eine Katastrophe. Na und?

Ich weiß, mit den ewigen Jammerlappen will niemand so gerne Zeit verbringen. Und unsere ethischen Ansprüche in allen Ehren. Aber ab und an mal klagen oder jammern ist doch einfach reinigend, oder? Am besten portioniert und zeitlich begrenzt. Ich gehe alle paar Tage zum Meer und werfe Steine rein. Danke an mein Bilderbuchhirn!

Und heute, heute war ich beim Frisör. Das ist Zufriedensein auf hohem Niveau! Für mich reichts heute wirklich zum Freuen! :-)